Hannah

EIN LIEBEVOLLER ABSCHIEDSBRIEF AN EIN KAPITEL, DAS ZU ENDE GEHT.

Kleine Info vorab: in diesem beitrag wurden pronomen für hannah nach hannahs wunsch wild gemischt. es handelt sich aber die ganze zeit um dieselbe person.
Ein Boudoir Fotoshooting vor und nach einer Mastektomie.

„Ich möchte einen guten Abschied von meinem Körper in seiner jetzigen Form haben. Ich möchte Danke sagen für alles, was wir gemeinsam erlebt haben und eine Erinnerung haben, wenn ich jetzt ein neues Kapitel anfange.“

Diese Worte hat Hannah mir in ihrem Fragebogen geschrieben, bevor wir uns für ihr Boudoir Fotoshooting getroffen haben.

Und ich glaube, sie beschreiben bis heute besser als alles andere, worum es in diesem Fotoshooting wirklich ging. Nicht um einen Vorher-Nachher-Vergleich und schon gar nicht darum, einen Körper zu bewerten. Es ging vielmehr um einen Abschied.

„Ich Möchte einen guten abschied (…) haben.“

Einen Abschied von einem Körper, der sich über viele Jahre nie ganz nach Zuhause angefühlt hatte und mit dem Hannah doch gleichzeitig so viele Erinnerungen, Erfahrungen und Lebensmomente gesammelt hatte.

Schon lange bevor die Entscheidung für die Mastektomie gefallen ist, hatte Hannah immer wieder das Gefühl, dass die Art, wie sein Körper von anderen gelesen wurde, nicht zu dem passte, wie Hannah sich selbst erlebt hat.

Hannahs Körper wurde häufig sehr feminin wahrgenommen. Über viele Jahre versuchte sie deshalb immer wieder, mit Kleidung, Haltung oder kleinen Details Hannahs maskulinen Seiten stärker hervorzuheben. Nicht, weil diese femininen Anteile verschwinden mussten, sondern weil sie sich gewünscht hat, dass endlich beides gleichzeitig existieren darf.

Dass er sich nicht entscheiden muss.

Dass feminin und maskulin keine sich ausschließenden Gegensätze sein müssen.

Dass ein Mensch nicht weniger er selbst ist, nur weil mehrere Facetten gleichzeitig sichtbar werden.

Als Hannah mir seine Wünsche für das Fotoshooting schrieb, gab es einen Satz, der mich ganz besonders berührt hat.

 

„Ich möchte dankbar sein für meinen körper, wie er jetzt ist und stolz, dass ich mich getraut habe, etwas zu verändern, um mich mehr wie ich selbst zu fühlen.“

– Hannah

Ganz ehrlich – ich hab jetzt noch Gänsehaut, wenn ich das lese. Wie unglaublich SCHÖN ist es, wenn Menschen den Mut aufbringen, für sich selbst loszugehen?!

Und obwohl Hannah sich lange unwohl in seinem Körper gefühlt hat, spricht aus diesen Worten keine Ablehnung, keine Wut und kein Hass.

Sondern Dankbarkeit.

Dankbarkeit für einen Körper, der sie bis hierher getragen hat. Für alles, was er erlebt, ausgehalten und möglich gemacht hat.

Und genau deshalb wurde dieses erste Boudoir Fotoshooting zu etwas so besonderem.

Wir fotografierten nicht einfach einen Körper vor einer Operation.

Hannah schrieb an dem Tag mithilfe der Fotografie den Schlusssatz eines langen Kapitels. Mit ganz viel Ruhe und mit ganz viel Respekt.

Und mit dem Wissen, dass ihr Körper nie Ein Problem war.

sondern die gesellschaftlichen Projektionen und die daraus resultierende Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung.

Einige Zeit später kam Hannah wieder.

Die Mastektomie war inzwischen ein paar Monate her und ich durfte sie erneut fotografieren.

Natürlich hatte sich Hannahs Körper verändert.

Neben der äußerlichen Veränderung hatte sich die Beziehung verändert, die Hannah zu ihm hatte. „Seit der OP sehe ich den Körper, den ich all die Jahre gefühlte habe endlich auch im Spiegel. Meine Beziehung zu meine Körper ist viel ruhiger und ich liebe ihn jeden Tag noch mehr.“

Wir sprechen oft von großen Entscheidungen. Von Operationen, Wendepunkten, Gewichtszu- und abnahmen. Aber seltenvon dem, was danach passiert.

Wie lange es dauert, bis sich ein „neuer“ Körper langsam vertraut anfühlt.

Dass es Tage gibt, an dem man unzufrieden ist oder sich von gesellschaftlichen Normen beeinflussen lässt. Trotz solcher Tage verändert sich das Selbstbild und das Wohlbefinden im Körper. „Und dann gibt es jeden Tag kleine Momente, in denen ich merke, dass die Außenwelt mich mehr sieht, mehr sieht und wahrnimmt, dass sowohl feminine und maskuline Anteile parallel existieren können.“ (Hannah)

Veränderung, die nicht von heute auf morgen, sondern in vielen kleinen Momenten stattfindet.

 „VIelen dank für das tolle erlebnis, ich bin so froh und dankbar, dass ich diese erfahrung mit mir und mit dir an meiner seite gemacht habe. es war wirklich (…) perfekt, um ein kapitel meines körpers mit einem tollen gefühl abzuschliessen.“

– Hannah

Genau dafür fotografiere ich. Nicht, um Menschen schöner aussehen zu lassen. Nicht, um Geschichten spektakulärer zu erzählen. Sondern um Erinnerungen zu schaffen, die dabei helfen können, einen Lebensabschnitt bewusst zu verabschieden und den nächsten mit offenen Armen zu begrüßen.

Für mich ist ein Boudoir Fotoshooting deshalb viel mehr als schöne Bilder.

Es ist manchmal ein Anfang. Manchmal eine Erinnerung.

Und manchmal – so wie bei Hannah – wird es zu einem liebevollen Abschiedsbrief an den eigenen Körper.

Ich glaube, es gibt kaum einen schöneren Abschied als den, den Hannah seinem Körper geschenkt hat.

Und kaum einen schöneren Anfang als den, den sie sich damit gleichzeitig selbst erlaubt hat.

jeder mensch erlebt gender anders. du und deine ganz eigene geschichte sind hier willkommen.